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Vorwort
 

Wenn hier von einem Abenteuer die Rede ist, so widerspricht der Begriff keinesfalls dem Pilgern und seinem religiösen Sinn, sondern schließt ihn mit ein. ‚Abenteuer’ ist seinem Wortsinn nach ‚Adventura’, das auf einen Zukommende, das Ungeplante, oft auch Unerwartete. Es ist auch Ankunft, wenn man von einer Welt in eine andere kommt. Im christlichen Sinne ist es auch als Advent bekannt. ‚Abenteuer’ darf also nicht in neuzeitlich eingeengter Bedeutung verstanden werden, obgleich es diese Erlebnisaspekte auch hat.  Der Jakobsweg ist eben auch ein Abenteuer, weil man sich aus der einen, der alltäglichen Welt löst und aufzubrechen versucht in eine andere, wo man im Gegensatz zur üblichen Bewusstlosigkeit und dem Wahnsinn der Masse nach Sinn sucht, nach Befreiung von Planung, Tempo, Blindheit, Lärm, Hektik, dem Diktat des Konsums und der Automaten, dem leeren Geschwätz der Unterhaltungssendungen, der Tyrannei von Information und angeblicher Kommunikation, den Täuschungen von Politik und Medien, dem Zuwachskrampf, dem gesamten System ein- und angepasster Funktionen und Konditionierungen. Man will entkommen aus lieblos gebauten und verbauten Städten, dem Strom der Automobile, dem sich alles unterzuordnen scheint. Und natürlich will man auch entkommen der zunehmenden Entfremdung von der Natur. Der Jakobsweg ist also auch ein Gegenentwurf zu einer verödeten Welt. Wir leben, wie es der Schriftsteller Nicolas Born einmal ausdrückte, in einer ‚Welt der Maschine’, sind uns selbst entfremdet worden durch die Diktatur der Industriemonopole und ihrer totalitären Scheinwirklichkeit.

Wie sehr er mit seinem vor über dreißig Jahren erschienenen gleichnamigen Essayband ‚Die Welt der Maschine’ Recht hatte und wie hellsichtig er Entwicklungen beschrieb und vorhersah, wurde mir bei der Rückkehr vom ‚Camino Primitivo’ bei einem Pariser Erlebnis wieder einmal klar. Wir kamen mit dem Zug aus Spanien, verließen in Paris den Bahnhof Montparnasse und waren auf dem Weg zur Metro sogleich mittendrin im Mahlstrom eines hektischen, aufgeregten, atemlosen Treibens. Der unterirdische Gang durch das Labyrinth der Metro stand im krassesten Gegensatz zur Ruhe, Schönheit und Weite der asturischen Landschaft, die wir vor ein paar Tagen noch erleben durften. Man hatte das Gefühl, in einem Megawahnsinn gelandet zu sein. Und an einer der automatisierten Schleusen im Eingangsbereich der Metrogänge passierte es dann. Ich kam mit meinem Rucksack nicht rasch genug durch die Schleuse, hatte die vorprogrammierte Zeit überschritten, die Klappen der Schleuse schnappten zu, griffen sich den Rucksack, dessen Gurte mir den Brustkorb einschnürten. Ich war in der Maschine gefangen, bekam keine Luft mehr, bis endlich nach einer endlos scheinenden Zeit jemand einen Notknopf drückte. Damit war das Pariser Erlebnis noch nicht zu Ende. Wir erreichten den Bahnhof Gare du Nord, um weiter mit dem Thalyss nach Köln zu fahren, waren jedoch kaum im Bahnhof, als dieser wegen Bombenalarms evakuiert wurde. Wir waren zurück in der schönen, neuen Welt.

Das Pariser Erlebnis und im Kontrast dazu der Jakobsweg hatte mir ein Zitat von Nicolas Born wieder allzu deutlich gemacht: „Als Kinder hatten wir einen radikalen und absoluten Anspruch an die Welt: den Anspruch auf Glück, Unsterblichkeit. Dieser Anspruch muss wieder eingeführt werden. Erst dann werden wir uns voll bewusst, was wir alles entbehren und um was wir alles betrogen sind.“

Die hier versammelten Artikel sollen nicht wie in einem üblichen Pilgerbericht den Camino Primitivo beschreiben, der vom asturischen Oviedo ins galicische Melide führt, von wo es dann weiter auf dem Camino Francés nach Santiago de Compostela geht, sondern sie sollen ein kleines Kaleidoskop von Begegnungen, Eindrücken, Überlegungen sein, die sich vor allem auf dem asturischen Teil des Weges ergaben. Über die Region Asturien hinaus wird es einen Artikel zur galicischen Dichterin Rosalia de Castro geben, auf deren Spur ich durch einen Zufall in Lugo kam. Beginnen sollen die Eindrücke jedoch mit Covadonga, das zwar nicht am Camino Primitivo liegt, aber in der Geschichte des europäischen Christentums eine Schlüsselrolle spielt, was überhaupt für ganz Asturien gilt. Von Oviedo aus führte der erste, ursprüngliche Jakobsweg nach Santiago de Compostela, und so hat ‚primitivo’ nicht die Bedeutung von ‚primitiv’, wie wir das Wort heute zunächst verstehen würden, sondern es hat die Bedeutung ‚ursprünglich’.

 

 

Bonn, Mai 2013