A-2-850

Vulkanexpress

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

am Bahnhof Brohl

 Ein Freitag im September. Das Wetter ist erbärmlich. Grauschwarze Wolken. Regen. Ein deprimierender Himmel. Jakobsfieber, denke ich, ist besser, als in der Bude hocken und Däumchen drehen. Aber wohin nur von Bonn aus? Gibt es denn noch unbekannte Ecken im Netz der heimischen Wege? Nein. Doch! Da war doch was mit einem nostalgischen Bummelzug, der den heißen Namen ‚Vulkanexpress’ trägt und von Brohl aus in die Eifel startet. Von Bad Tönisstein aus erreicht man dann leicht zu Fuß den Ort Kell und das Jakobstal. Mal sehen, was es dort gibt. Und Maria Laach ist auch nicht mehr weit. Also auf nach Brohl am Rhein zu der urigen Bahnstation und zu diesem nostalgischen Zug mit der Holzklasse auf Schmalspurgleisen.
  

die Diesellok

gute, alte Holzklasse


 Es ist ein Zeitensprung. Ein sehr sympathischer. Gegen 9.30 Uhr zockelt der Zug, der auch Güterwaggons mit sich führt, los. Er ist so langsam, dass man unterwegs Äpfel pflücken könnte. Die Fenster im Abteil mit den Holzbänken lassen sich noch öffnen. Man kann während der Fahrt draußen auf der Plattform stehen und sich eine Zigarette drehen und genüsslich rauchen. Wo gibt es diese Freiheit noch? Hier. Währenddessen wandert der Schaffner in seiner traditionellen Uniform durch die Waggons und knippst die Tickets, während ein Kellner sein Wägelchen mit Getränken hinter ihm herschiebt. Frische Waldluft streicht um die Nase, vermischt mit dem Duft von Diesel, der von der schnaufenden Lok herüberweht.
 

Waldluft mit Diesel

der letzte Ort der Freiheit


 Nach einer Viertelstunde ist Bad Tönisstein mit seinem monumentalen Bahnhof (siehe Foto) erreicht. Von nun an geht es zu Fuß, und es wird gleich zu Anfang richtig spannend. Der Wanderweg führt durch Höhlen, die sogenannten Trasshöhlen, die aus einem Lavamaterial bestehen, das insbesondere die Holländer, weil es unempfindlich gegenüber Salzwasser ist, für ihre Deiche abgebaut haben.
 

Deutschlands größter Bahnhof

Wanderweg durch die Trasshöhlen


 Durch den Wald und später über luftige Höhen geht es in den Wallfahrtsort Kell mit der Pfarrkirche St. Lubentius. Es ist ein Marienwallfahrtsort, der eine ähnliche Legende hat wie etwa Buschhoven im Bonner Raum oder Marienbaum bei Xanten oder auch Bödingen an der Sieg. Auch das spanische Roncesvalles und noch viele andere europäische Orte kennen diese Legende. Sie ist weit verbreitet. Es ist die Legende vom aufgefundenen Marienbild. Das Überraschende in der Kirche aber ist für den Jakobspilger der schlafende Jakobus. Es ist ein Relief mit der Ölbergszene. Endlich einmal sind die drei Jünger, Johannes, Jakobus und Petrus, genau zu unterscheiden, was bei den vielen anderen Darstellungen, die ich zuvor gesehen hatte, kaum möglich war. Doch hiervon in einem gesonderten Artikel. Der hier vorliegende ist dem Vulkanexpress gewidmet, der Pilger von Brohl aus zu den entsprechenden Basisstationen bringt wie etwa Tönisstein oder auch Nieder- und Oberzissen. Von Niederzissen aus erreicht man z.B. den idyllischen Ort Wehr mit der Kirche St. Potentinus und einer barocken, lebensgroßen Jakobusfigur.

 Mit dem Vulkanexpress kann man das Vergnügliche des Pilgerns auf das Angenehmste mit dem traditionellen Fußmarsch verbinden. Es ist ein besonderes Erlebnis, zumal die Bahn eine dem Pilgern gemäße Geschwindigkeit aufweist. Mir hat dieser Tag neben aller religiösen Besinnlichkeit sehr viel Spaß gemacht. Den Nieselregen habe ich dabei gar nicht mehr richtig bemerkt. Empfohlen für solch ein Abenteuer ist zur verlässlichen Orientierung allerdings eine Wanderkarte, z.B. die vom Eifelverein Nr. 10 (Maßstab 1: 25 000). Von Kell aus kann man durch das Jakobstal mit seiner besonderen historischen Geschichte nach Osten weiter zum Rheinhöhenweg wandern und dann auf diesem nach Andernach. Hier hat man wieder Anbindung an die normalen Züge und mag dem liebenswerten Vulkanexpress noch eine Weile nachtrauern.      

 

 

Bonn, September 2011